Veggie-Day

Vorweg, ich habe mich schon früher zum Veggie-Day geäußert. Hier sind meine Verbrechen von damals einsehbar.

Gestern bin ich auf eine Frage der TAZ an ihre Leser gestoßen und möchte die hier beantworten:

Brauchen wir einen Veggie-Day?

Denn wenn es um die Frage gehen würde, ob eine Vegetarische oder Vegane Lebensweise gesünder oder ökologischer ist als eine mit Fleischkonsum, so kann wahrscheinlich niemand Antworten geben. Es gibt Studien, die die Gesundheit von Vegetariern/Veganern mit der von Fleischkonsumenten vergleichen haben. Teilweise wurden Unterschiede festgestellt, teilweise nicht. Keine der Studien konnte in irgendeiner Art nachweisen, dass Fleischkonsum schädlicher ist, als eine reine Vegetarische oder vegane Lebensweise. Lediglich Unterschiede in der allgemeinen Lebensführung konnten festgestellt werden. Und dass jemand, der sich bewusst ernährt und nicht jeden Müll in sich reinstopft gesünder ist, als jemand der dieses nicht tut ist keine sonderliche Erkenntnis. Im Überfluss kann jedes Lebensmittel schädlich sein, selbst Wasser. Mein Großvater ist über 101 Jahre alt geworden, und er hat jeden Tag Fleisch gegessen. Das ist weit länger, als die durchschnittliche Lebenserwartung auch von Vegetariern und Veganern.

Auch ökologisch betrachtet, lässt sich keine Studie finden, die eine negative Wirkung von Fleischkonsum generell belegen kann. Lediglich bei einzelner Betrachtung stellt sich z.B. die Produktion von Fleisch oder ähnliches als “Klimaschädlich” heraus. Dieses kann jedoch nicht geltend gelassen werden, wenn es um die generelle Nachhaltigkeit geht. Diese umfasst nämlich immer auch Möglichkeiten der Kompensation. Sonst wäre wohl selbst der ökologisch nachhaltig angebaute lokale Biosalat im Biosupermarkt wohl nicht mehr ökologisch nachhaltig.

Eine generalisierte Aussage, dass Vegetarische oder Vegane Lebensweisen Gesünder und Nachhaltiger sind, ist nicht treffbar.

Die Frage, um die es vielen Kommentatoren stattdessen geht, ist ob ein solcher Veggie-Day von oben herab durchgesetzt werden darf und soll.

Mit einem solchen Veggie-Tag verhindert der Staat faktisch, dass die Personen die auf eine (Mittags-)Versorgung durch eine öffentliche Kantine angewiesen sind, sich (zumindest an einem Tag die Woche) mit Fleisch ernähren. Vor allem Schülern und Studenten, also jene Personen die noch in der Prägung ihres Lebens stehen, wird so die Wahl zwischen Fleisch und Vegetarisch genommen. Es ist dabei unerheblich auf welchem Wege ein solcher Veggie-Day eingeführt wird: Aufgrund von Selbstverpflichtungen, Gesetzen, Vereinbarungen, o.ä. solange die Imitative und Kontrolle darüber von “oben herab” geschieht.

Dieses ist jedoch nicht der Casus Knacktus der Kritik an dem Vorschlag, bzw. der Idee des Veggie-Days: Es ist das hinter dem Veggie-Day stehende grundlegende Verständnis: “Die Bevölkerung isst im Gro Fleisch; dieses ist schlecht (unökologisch; Tierquälerei; Gesundheitsschädlich;…); Die Bevölkerung verzichtet nicht Freiwillig, also müssen wir Ihnen zeigen, dass es auch anders geht.”

Der Veggie-Day wird mit der Intention eingeführt und hat die Aufgabe die Bevölkerung von einer, in den Augen der Befürworter, falschen Ernährung wegzuführen. Es soll eine Schärfung des Bewusstseins, eine Bereitschaft für vegetarische Ernährungsweisen gefördert werden; im Kern soll die Bevölkerung zu einer vegetarischen Ernährungsweise Umerzogen werden.

Eine solche Umerziehung ist aber als Eingriff in die Selbstbestimmtheit, das Erziehungsrecht und auch in den Kernbereich der Menschlichen Würde zu klassifizieren und abzulehnen. Der Staat maßt sich an, dem einzelnen eine moralische Vorstellung aufzuoktroyieren. Er missachtet dabei die Freiheit des Gewissens und Maßt sich an, dass das Gewissen des Einzelnen unbeachtlich ist.

Auch kann eine solche Maßnahme schon deshalb nicht damit gerechtfertigt werden, dass Sie sehr sehr mittelbar die Umwelt entlasten würde da eine Umweltbelastung generalisiert nicht angenommen werden kann.

Nichts anderes kann dagegen gelten, wenn der Veggie-Day damit begründet wird, den Fleischkonsum allgemein nur senken zu wollen. Damit würde gänzlich auf eine zumindest unmittelbare Begründung des Veggie-Days verzichtet.

Dabei ist schon die Begründung “Es wird kein Fleisch mehr angeboten, um den Fleischverbrauch zu senken” alleine schon ein Angriff auf die Menschen Würde: Um den Fleischkonsum zu senken, wird, da der einzelne Mensch dieses nicht freiwillig tut, ihm die Möglichkeit genommen, bzw. wesentlich erschwert, sich anders zu entscheiden. Es kann keinen Unterschied machen, ob ein Verhalten dem einzelnen Vorgeschrieben wird, oder dem Einzelnen schlicht die Möglichkeit sich anders zu verhalten faktisch genommen wird.

Damit degradiert die Gesellschaft den Einzelnen zum lediglich ausführenden unselbstständigen Wesen. Die Handlungsfreiheit des Einzelnen wird in einem Bereich der intimsten Zugehörigkeit zur eigenen Person, der Wahl des Essens, komplett beseitigt.

Solche Zwangsmaßnahmen wurden in Deutschland das letzte Mal 1933 bis 45 und im Osten noch bis 1990 durchgesetzt.

Auch dass jetzt wieder auftauchende Argument, dass es nur ein kleiner Verzicht sei, den wir erbringen müssten und dass dieser von uns erwartet werden könne, da wir die Hauptverursacher der globalen Klima- und Nachhaltigkeitsprobleme dieser Welt seien; Wir uns nicht an China, Indien, Argentinien oder sonst wen halten könnten und von diesen Ländern Einhaltung strengerer Vorschriften einfordern, wenn wir nicht mit gutem Beispiel voran gehen, kann so nicht durchschlagen:

Zwar haben wir auch in nicht unbeachtlicher Weise die Natur im Verlauf der letzten Jahrhunderte verändert, belastet und ausgebeutet, jedoch wird von den Vertretern dieser Argumentation schlicht weg ignoriert das abgesehen von den Tatsachen, dass “wir” schon Maßnahmen ergriffen haben, um die Umwelt zu schonen und dass vor allem in den letzten Jahren in diesen Ländern die Verschmutzung Ausmaße angenommen hat, die so “uns” auf keinem Wege zugerechnet werden können, dieses nicht dazu benutzt werden kann, einen Eingriff in das “Essen” des Einzelnen zu rechtfertigen.

Vielmehr handelt es sich dabei um ein moralisches Argument, dass eigentlich in einer solchen Diskussion nichts zu suchen hat. Eine moralische Verpflichtung kann nur auf Gewissensebene gegenüber dem Einzelnen bestehen. Ein Staat oder Gesellschaft die Moralisches Recht durchsetzt, ist nicht mehr freiheitlich pluralistisch. Wir wären kaum anders als eine Saudi-Arabische Gesellschaft oder die Taliban, die beide ein moralisches Recht durchsetzen, durchgesetzt haben.

Persönlich erstaunt mich jedoch, die Ignoranz der Befürworter: Für Sie ist es unverständlich, dass jemand ihren Vorschlag ablehnt. Sie haben darin mehr mit den evangikalen Rechten der USA gemein, als mit irgendeiner anderen politischen Gruppe.

Die eigenen Werte werden als unabdinglich Wahr angesehen. Sie bilden den Kern ihres gesamten Weltbildes. Wer daher gegen die Einführung eines Veggie-Days argumentiert, argumentiert gegen das gesamte Weltbild; Er (oder Sie 🙂 ) greift in den Augen dieser Personen Sie direkt in ihrer Persönlichkeit an.

Dabei wird mit aller Macht nach Begründungen gesucht warum dieses so ist. Um das eigene Weltbild zu schützen werden den Gegnern der eigenen Ideologie Angst vor Veränderungen vorgeworfen, Rückständigkeit unterstellt und Kritik wird begegnet, in dem man Sie als egoistisch und antimoralisch/ethisch beschimpft oder den Gegner schlicht unterstellt, Sie würden sich durch den Vorschlag schlicht persönlich beleidigt fühlen und daher sich dagegen Aufregen.

Es findet auf Seiten der Befürworter des Veggie-Days in der öffentlichen Diskussion kaum eine Auseinandersetzung mit den Argumenten der Gegner statt. Der Eingriff in die Handlungsfreiheit und die Menschenwürde wird sogar als gerade moralisch gerechtfertigt und als “naturrechtlich” notwendige Entscheidung angesehen.

Zum großen Teil kommt dieses daher, dass das Konzept des Vegetarismus und des Veganismus in der ökologisch-linken Bewegung tief verwurzelt ist. Die Diskussionen darüber haben, wenn es überhaupt welche gab, schon vor Jahren ihren Abschluss gefunden, so dass man sich als Sieger und als einzig richtiges Konzept ansieht.

Andere Meinungen weichen in diesem Zusammenhang von der in diesen Gruppen gefundenen gemeinsamen Basis ab. Solche abweichenden Meinungen können schon unbewusst nicht toleriert werden; weder in der geschlossenen Diskussion, noch nun in der öffentlichen.

Anstelle dieses unproduktiven Mistes, sollte, wenn überhaupt, endlich eine konkrete aber Ergebnisoffene Diskussion über den Veggie-Day und den Fleischkonsum treten. Die Zeitungen und Kommentatoren sollten aufhören sich zum Handlanger der immer wiederkehrenden gleichen moralischen Argumente machen zu lassen und endlich auf die konkreten Bedenken gegen einen Veggie-Day eingehen.

Auch die Befürworter müssen, wollen Sie sich nicht jeden Kredit und jede Glaubwürdigkeit verspielen, endlich auf die eingewandten Bedenken Antworten. Eine Gebetsmühlenartige Wiederholung der Immer gleichen Sätze ändert nichts an der Kritik.

Um Auf die Probleme der Lebensmittelindustrie aufmerksam zu machen, ist der Veggie-Day das falsche Mittel. Selbst jetzt dreht die Diskussion sich lediglich um den Veggie-Day. Die Grünen sollten daher nicht den Veggie-Day sein lassen und die Diskussion auf die wichtigen Themen lenken: Das Versagen der Sozialsysteme, die Hausgemachten Wirtschaftsprobleme durch den zunehmenden Konkurrenzdruck aus China, den Moral Hazzard des Finanzsystems, die Korruption und der Lobbyismus in Staat und EU, die zu hohe Zahl unterbeschäftigter Beamter,…

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